Ein Dorf im Wandel von einer Generation

Über die Geschichte des Dorfes Starkenburg und seine wechselvollen Ereignisse gibt es manch interessante Beschreibung, sowohl in wissenschaftlicher als auch chronikartiger Form.
In dem vorigen Jahrhundert jedenfalls wurde das Dorf von Kriegen verschont; es waren Naturereignisse, die dafür sorgten, dass im alten Straßenbild das Dorfkerns die ersten Lücken entstanden, wie zum Beispiel der Blitzschlag, der eine reihe Häuser und Scheunen in Brand setzte.
Das war 1918.

Der Dorfkern war geprägt von einer engen Durchgangsstraße, die von Enkirch kommend (Baujahr 1855) ins dünnbesiedelte Oberdorf führt, das um 1900 durch mehrere neue Gebäude wegen der steigenden Einwohnerzahl (etwa 400) erweitert wurde.
Jeder Bauer war auch gleichzeitig Winzer. So war das untere Dorfbild geprägt von einer über die Jahre gewachsenen Ansammlung von Gebäuden, bestehend aus Wohnraum, Scheuer und Stall. Und vor, hinter oder neben allem der höchsteigene Misthaufen. Der Traubenkelter stand im Keller, der, tief in den felsigen Grund gehauen, für die richtige Temperatur und Luftfeuchte beim Wein sorgte.
Bei so manchem Arbeiter oder Tagelöhner hatte die "heilige" Kuh ihre Heimstatt in einem Verschlag oder gar, wie im Haus Schmoll von 1893, auch mal im Keller.
Es gab in den Nachkriegsjahren im Dorf eine Schmiede, einen Schuster, eine Raiffeisenbank, zwei Lebensmittelläden mit einer Poststelle, mehrere Gasthäuser und 52 Viehhalter.

Und zur nächsten Stadt oder zu Verwandtenbesuchen ging es zu Fuß, mit dem Rad oder per Ochsenkarren.
Pferde gab es kaum, die Feldarbeit wurde mit Kuh und Ochs bewerkstelligt.

Das änderte sich erst Anfang der 50iger Jahre.
1953 war ein gutes Weinjahr, und von dem Erlös dieses außergewöhnlichen Jahrgangs wurden die ersten Traktoren angeschafft.

Und mit dem Einzug dieser motorisierten Technik begann in vielen Bereichen für das Dorfleben eine neue Ära.
So wurden in den Steilhängen der Starkenburger Weinberge Seilbahnen installiert, mit deren Hilfe das mühselige Transportieren der vollgeernteten Butten auf dem Rücken der Winzer, bergan oder bergab, erleichtert bzw. ersetzt wurde durch den Einsatz der Traktorenmotoren.

Das Manövrieren mit den Traktoren im Weinberg hatte auf den unbefestigten Wegen allerdings seine Tücken, und manches Wendemanöver endete mit einem mittleren Desaster.

Während Anfang der 60iger Jahre noch eine Kartoffeldämpfanlage für das Winterfutter der Schweine sorgte und jeden Montagmorgen der Schweineauftrieb stattfand (ehem. Gemeindewaage hinter dem jetzigen Feuerwehrmuseum), kam es Ende der 60iger Jahre bereits zu den ersten Auflösungen der Kuhbestände. In diese Dekade fiel auch die Flurbereinigung von Feld und Wald. Auf dem Starkenburger Flur wurden zwei Aussiedlerhöfe errichtet, wovon heute nur noch einer Nutzvieh (Schweine) hält.

Bei den Gebäuden gab es sowohl Aufbau -1968 war das Gemeindehaus fertig- als auch Abriss alter Bausubstanzen. 1974 schließlich musste das alte Gemeindebackhaus auf dem Felsen neben der Kirche einem modernen Wohnbungalow weichen.
Im gleichen Jahr verschwand die alte Scheune auf dem heutigen großen Parkplatz im Unterdorf, das letzte Relikt, das den Blitzschlag von 1918 überlebt hatte.
Im mittleren Teil der unteren Dorfpartie gab es große Veränderungen: die alte Schmiede wurde zur Garage umgebaut, die Scheunen daneben mussten Platz machen für Wohnhäuser, und wieder verschwanden die Kühe.....
Letztendlich wurde in den 70igern die dorfeigene Schule aufgelöst.

Im Weinberg fand mit Beginn der 80iger eine neue Technik Eingang: die Monragbahn. Sie diente sowohl zum Transport von Personen als auch von Butten.

Da bis 1980 der Steilhang unterhalb von Starkenburg noch zu 100 % bebaut wurde, ging auch die Monragbahn bis in die höchsten Höhen.

Heute, 2003, wo nur noch wenige Parzellen bewirtschaftet werden, gibt es dieses Transportmittel nur noch in den unteren Regionen.

Im Dorf selbst begannen um 1981 "tiefgreifende" Veränderungen: die 1932 installierte Wasserleitung wurde erneuert.
Die eigene Wasserversorgung durch umliegende Quellen und Reservoire war schon 1972 eingestellt worden und in die Regie der Verbandsgemeinde Traben-Trarbach übergegangen.
Der wohl bedeutendste Schritt in die Neuzeit war die damit einhergehende Verlegung der Kanalisation, vorbei das Wasserpumpen, vorbei die Ungemütlichkeit der Plumpsklosetts....
Und als 1991 schließlich der endgültige Ausbau und die Befestigung der Dorfstraßen in die Wege geleitet bzw. vollendet wurde, konnte der damalige Gemeinderat mit Zufriedenheit die weiteren Geschicke des Dorfes in die Hände jüngerer Generationen geben.

Im Oberdorf gibt es ein Neubaugebiet - Auf`m Rech - das 1981 erschlossen wurde.
Von den 1989 existierenden 10 Nutzviehhaltern ist heute, abgesehen von einigen Hobby-Schafsbesitzern, nur noch einer in der Ortslage übriggeblieben. Unter den 250 Einwohnern gibt es noch einige Winzer, die auch Landwirtschaft und Fremdenpensionen betreiben.

Auszugsweise aus Mosel-Hunsrück aktuell -Ausgabe 39/97- Schellen G.