Von den Wasenmeistern, Scharfrichtern und Chirurgen in der Hinteren Grafschaft Sponheim

Mitteilungen der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde
Bd. 29, Jg. 68, H. 8
Otto Münster

Neubearbeitung: Kai P. Bauer

In früheren Jahren, als die Viehhaltung eine größere Bedeutung hatte als heute, und auch Viehseuchen in stärkerem Ausmaß grassierten, war die geordnete Beseitigung des verendeten Viehs für Mensch und Tier sehr wichtig. So bildete sich allmählich der Beruf des Abdeckers heraus. Seine Bezeichnung war je nach Gegend verschieden wie z.B. Wasenmeister - Schinder - Deglubitor (von deglubere = die Haut abziehen). In der Hinteren Grafschaft Sponheim auf dem Gebiet des Landkreises Bernkastel-Wittlich war die Bezeichnung Wasenmeister gebräuchlich.

Bei vielen Orten befindet sich noch heute die "Schinkaul" oder der "Wasen", die Stelle also, wo die Kadaver verscharrt wurden.

Bestimmte Städte und Dörfer bildeten das Gebiet einer Wasenmeisterei, in dem nur der von der Herrschaft ernannte Wasenmeister tätig werden durfte. Der Wasenmeister der Hinteren Grafschaft Sponheim hatte seinen Sitz in Starkenburg, wird aber, da für die Ausübung seines Handwerks Wasser notwendig war, seine Arbeiten im Ahringsbachtal verrichtet haben. Oft war der Arbeitsanfall so groß, dass er mehrere Knechte hielt, die aber nur im Ahringsbachtal wohnen durften. Der Meister selbst bewohnte ein von der Herrschaft gestelltes Haus in Starkenburg.

Neben der Beseitigung des verendeten Viehs hatte der Wasenmeister aber noch andere "anrüchige" Aufgaben zu erfüllen, wie die Leerung der Aborte der Burg, das Erschlagen umherstreunender Hunde während der "Hundstage", die Aufzucht einiger Hetzhunde für die Herrschaft und das Auslegen von Ködern am Luderplatz.

Dass alle diese Tätigkeiten eines Wasenmeisters - wenn auch notwendig - in den Augen der Mitbürger dazu führte, dass er mit seiner ganzen Familie auf der niedrigsten Stufe stand und zu den "unehrlichen" Leuten zählte, ist verständlich. Waren ursprünglich Wasenmeister und Scharfrichter verschiedene Personen, wobei der Scharfrichter sich höchstens einmal der Hilfe des Wasenmeisters bediente, so bildete sich doch bald der Brauch heraus, dass beide Ämter in einer Person vereinigt waren. Bemerkenswert ist, dass der Scharfrichter sozial höher stand als der Wasenmeister.

So erließ die Markgräflich Badische Regierung 1742/1743 noch folgende Verordnung:

§ 1
Schinders- und Henkersknechte sollen in den Wirtsstuben an einem separaten Tisch besonders gesetzt und aus besonderen für sie allein zu haltenden Geschirren bewirtet werden.

§ 2
Dieses soll aber nicht von Scharfrichtern verstanden, sondern solche gleich, anderen Gästen bewirtet werden.

Da aber seit dem Ende des 16. Jahrhunderts die Hexenprozesse aufgehört hatten, war der Arbeitsanfall des Scharfrichters weit geringer geworden, so dass sich dieser nicht mehr ernähren konnte. So hatte sich schon in dem Zeitraum, der zu betrachten ist, im Gebiet der Hinteren Grafschaft Sponheim die Vereinigung der beiden Ämter vollzogen. Der Scharfrichter war also sozial auf die Stufe des Wasenmeisters herabgestiegen.

Hatte die Regierung im Erlass über die Bewirtung von Wasenmeistern und Scharfrichtern einen Unterschied gemacht, so ist die nachfolgende im Jahre 1700 erlassene Verordnung kaum als eine Diskriminierung zu verstehen. Vielmehr sollte sie wohl das Amt des Scharfrichters besonders herausstellen.

Ich führe die Verordnung aber an, da sie in Starkenburg zu Misshelligkeiten führte und die Behörden über einige Zeit beschäftigte.

§ 1
Den Scharfrichtern und ihren Familien soll ein eigener Stuhl in den Kirchen angewiesen werden, dass sie nicht zu den Bedienten stehen. 11. Jan. 1720 (1).

Welche Aufgaben dem Wasenmeister und dem Scharfrichter zukamen, sagt ein Erbbestandsbrief, der 1774 ausgestellt wurde:

1.
Eberhard Schmid erhält für sich und seine Erben gegen Entrichtung des Laudemiums von 1 ½ Talern die Erbleihe über die Nachrichterstelle (Scharfrichter) in der ganzen Hinteren Grafschaft Sponheim - ausgenommen da, wo die Gemeinschaft mit anderen Herrschaften eine Ausnahme zulassen. (Z.B. im Dreiherrischen) - Das Laudemium ist eine einmalige Zahlung bei Kauf eines Grundstücks -. Sodann erhält Schmid die Erbleihe über die Wasenmeisterei im Oberamt Trarbach und im Amt Dill.
Er hat in allen vorkommenden Fällen die beiden Ämter fleißig zu versehen und seine Wohnung in Starkenburg zu nehmen. Wasser und Weide erhält er unentgeltlich.

2.
Bei vorfallenden Criminalsachen und peinlichen Exekutionen hat er die Befehle Hochfürstlicher Regierung auszuführen und sich mit dem zu begnügen, was ihm für seine Bemühung und Arbeit verordnet wird.

3.
Er hat sich aller verdächtigen und ungebührlichen Handlungen zu enthalten. Besonders wird ihm untersagt, Mittel zu gebrauchen, die zu einem Viehsterben führen und die Untertanen schädigen. Vielmehr hat er darauf bedacht zu sein, dass er nur Mittel verwendet, die Seuchen unter dem Vieh verhindern.
Dieser Punkt 3 lässt den Schluss zu, dass einige Wasenmeister in der Vergangenheit versuchten, ihren Gewinn unrechtmäßig zu erhöhen.

4.
Krepiertes Vieh darf nur der Wasenmeister abschleppen und abdecken. Für seine Bemühungen erhält er die Haut.

5.
Die Haut des mit Perlen (Tuberkulose) behafteten Viehs soll gemäß dem Vertrag von 1726 dem Besitzer zurückgegeben werden. Der Wasenmeister erhält nur den im Vertrag festgesetzten Lohn.

6.
Für die Benutzung des Erbbestandes hat Eberhard Schmid jedes Jahr an Martini an die Fürstl. Landschreiberei (Trarbach) den Canon von 20 Gulden zu entrichten.
- Der Canon entspricht der jährlichen Pacht -

7.
Wenn die Herrschaft es befiehlt, hat er durch seinen Knecht Luder auslegen zu lassen dort, wo es gefordert wird.
- Die Luder wurden zum Anlocken der Wölfe ausgelegt -
Ebenso hat er ein paar Hunde aufzuziehen, wenn die Herrschaft es verlangt.

8.
An die Rentkammer (Trarbach) hat er wie bisher 4 Halfter jährlich zu liefern.

9.
Um bei künftigen Sterbefällen nochmals Streitigkeiten unter den Erben zu vermeiden, bedingt sich die Herrschaft aus, unterer mehreren Erben den Fähigsten auszuwählen. Dieser hat aber die Miterben abzufinden.
Eberhard Schmid hat versprochen, sämtlichen Conditionen nachzuleben und sich wie es einem "frommen Scharfrichter und Meister gebühret" aufzuführen, damit gnädigste Herrschaft keinen Grund habe, den Erbbestand aufzuheben und eine Änderung herbeizuführen usw. usw.

Trarbach den 17.02.1774 Hochfürstl. Sponh. Gemeinschaftliche Rentkammer.(2)

Was die einzelnen Strafen betraf, so erhalten wir aus einer Taxe für Executionen aus dem Jahre 1700 Aufschluss. Zugleich erfahren wir aber auch, welch einträgliches Geschäft die Scharfrichterei sein konnte.
Sehr viele Scharfrichter und Wasenmeister betätigten sich als Chirurgen und Tierärzte; Nachkommen von diesen sind heute noch als Ärzte und Veterinäre tätig. Zwei Gründe mögen maßgeblich dazu geführt haben:

1. Es gab wenig studierte Ärzte.

2. Die Scharfrichter hatten sich verpflichtet, einen Gefolterten so zu behandeln, dass er nicht starb. So war er also gezwungen, sich mit der Anatomie des menschlichen Körpers zu beschäftigen.

Taxe für Exekutionen

1. Delinquent besehen, ob er schon eine Execution an ihm vollzogen 1 Thaler 30 Kreuzer
2. Mit Instrumenten zur Tortur aufwarten 1 Thaler 30 Kreuzer
3. Daumenstock anlegen 2 Thaler
4. Spanisch Stiefel anlegen 2 Thaler
5. Bei der Tortur anziehen 3 Thaler
6. Einen auf die Bank legen und mit Gerten streichen 3 Thaler
7. Einen an den Pranger stellen und mit Ruten streichen 2 Thaler
8. Einem eine Maulschelle geben 2 Thaler
9. Einem den Galgen aufzubrennen 3 Thaler
10. Einem Nasen und Ohren abzuschneiden 5 Thaler
11. Einem die Zunge abzuschneiden
5 Thaler
12. Einen mit glühenden Zangen zwicken 5 Thaler
13. Einem die Hand abzuhauen 5 Thaler
14. Einen mit dem Strang hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer
15. Einen mit dem Schwert hinzurichten 7 Thaler 30 Kreuzer
16. Einen zu begraben oder das vom Galgen gefallene Gerippe 2 Thaler
17. Den Kopf oder eine Hand auf den Pfahl zu stecken 5 Thaler
18. Den Leib auf das Rad zu legen 5 Thaler
19. Einen zu radbrechen 12 Thaler
20. Einen zu verbrennen 5 Thaler
21. Den Scheiterhaufen aufzurichten 3 Thaler
22. Einen Selbstmörder zu henken (Selbstmörder wurden bestraft)
7 Thaler 30 Kreuzer
23. Einen zu vierteilen 12 Thaler
24. Die Viertel auf die Straße zu henken 3 Thaler
25. Wenn der Maleficiant mit dem Wagen zur Richtstatt geführt werden muß oder doch der Wagen zur Richtstatt mitgehen muß
3 Thaler
26. Einen einzusacken oder zu ersäufen 5 Thaler
27. Einen Soldaten an die Justiz anschlagen (Strafe für Deserteure)
3 Thaler
Die Aufstellung zeigt, wie grausam man in früheren Jahren mit Rechtsbrechern verfuhr. Die Rechtssprechung war noch vom Rachegedanken bestimmt.

Zum ersten Mal wird ein Scharfrichter von Trarbach am 10.02.1641 erwähnt, als er die Katharina Knebel in Winningen hinrichtet. Sie war als Hexe wegen Zauberei verurteilt worden und gehörte zu den Sponheimer Untertanen in Winningen.
So musste also der Scharfrichter von Trarbach her, um die Exekution durchzuführen.
Am 06.03.1645 wird in Enkirch ein Mörder hingerichtet, der einen Mord zwischen Trarbach und Enkirch begangen hatte. Wenn auch, wie so oft, der Scharfrichter nicht namentlich genannt wird, so können wir aber annehmen, dass es sich um Hans Henrich Dorsch handelte, der zunächst in Sobernheim tätig war und später nach Starkenburg übersiedelte.

Im Kirchenbuch von Wolf findet sich die Eintragung: "Hinrichtung auf Jubilate 1653 (3. Sonntag nach Ostern) durch Meister Henrichen". - Im Sterberegister von Irmenach steht: "Am 17.08.1674 beerdigt in Irmenach Dorsch Hans Henrich, gewesener Nachrichter, 60 Jahre alt."

Von diesem Scharfrichter Dorsch wissen wir nur, dass seine Frau Johanna hieß und wahrscheinlich eine geborene Bickler (Bückler) war, denn bei seiner 1659 geborenen Tochter treten als Paten auf: Sebastian Bickler, Scharfrichter im Amt Kirchberg und Anna Ursula Wolff, Tochter von Nikolaus Wolff, Scharfrichter in Kirn.

Hier ist gleich zweierlei zu bemerken:

1. Scharfrichter und Wasenmeister waren eng miteinander in den Sippen verbunden, wer sich mit ihnen einließ, wurde auch "unehrlich".

2. Die Sippe Bickler/ Bückler war eine weitverbreitete Sippe, der auch der Schinderhannes (Johannes Bückler) entstammte.

1622 wird Hans Thönges (Anton) Nagel, * Rhens 02.08.1597 als Sohn des Scharfrichters Johann Nagel und seiner Frau Margarethe, als Scharfrichter und Wasenmeister für die Hintere Grafschaft Sponheim mit Sitz in Hambach bei Niederbrombach ernannt.
Sein Amtsbereich umfasste die Ämter: Birkenfeld - Trarbach - Kastellaun - Dill - Herrstein - Winterberg und Allenbach. Nagel löste die aus Freisdorf stammenden Brüder Hermann ab.
Wie weit nun der o. g. Dorsch für den in Hambach wohnenden Nagel die Geschäfte im Raum Trarbach/ Starkenburg besorgte, ist nicht klar zu erkennen. Anzunehmen ist aber, dass Nagel das große Gebiet nicht allein versorgen konnte, sondern - wie auch in anderen Fällen - Henkersknechte einsetzte.

Ein Enkel Hans Peter des Hans Thönges Nagel heiratete 1676 in Heiligenbösch bei Birkenfeld eine Tochter des Dorsch.

Hans Thönges Nagel hatte 8 Kinder, von denen nur der um 1611 geborene Sohn Hans Adam Nagel bemerkenswert ist. Er muss seinen Vater vor 1644 als Wasenmeister und Scharfrichter abgelöst haben, denn dieser wird vor 1644 in Koblenz-Liebfrauen begraben. Wo der Sohn Hans Adam geboren wurde, konnte nicht festgestellt werden, da die Kirchenbücher oft lückenhaft sind und die Wasenmeister nicht immer am Dienstort wohnten.

Hans Adam Nagel war dreimal verheiratet:

1. Heirat Niederbrombach 16.01.1644 Magdalena Rautt, Tochter von Johann Rautt, Wasenmeister in Weiersbach (Nahe)

2. Heirat Heiligenbösch 09.04.1677 Anna Kremer, Tochter von Georg Kremer, gewesener Wasenmeister zu Siebenborn bei Noviand

3. Heirat vor 1673 (Ort und genauer Zeitpunkt unbekannt) mit Anna Margaretha Koller
Von Hans Adam Nagel und seinen drei Frauen sind 16 Kinder nachgewiesen. Von 1673 an tritt Hans Adam Nagel als Scharfrichter und Wasenmeister in Starkenburg auf, denn 1674 wird das 13. Kind in Starkenburg geboren. Von den Kindern interessieren hier nur folgende:

a)
Margarethe, * 15.02.1646 in Birkenfeld, oo Brombach 30.10.1661 Franz Wentz Sohn von Gerhard Wentz, Scharfrichter, Wasenmeister und Marktschreier in Lohr a. Main vorher Wasenmeister in Bernkastel.
b)
Hans Peter, * 03.07.1655 in Hattgenstein, oo Heiligenbösch 10.05.1676 Anna Catharina Dorsch, Tochter von Hans Henrich Dorsch, Scharfrichter in Sobernheim, später Starkenburg (s. vorn). Hans Peter wird Nachfolger seines Vaters in Starkenburg.
c)
Johann Adam, * Hattgenstein 23.09.1659, oo 14.01.1688 in Berglicht Anna Bickler (Bückler), Tochter von Lorenz Bickler, Wasenmeister in Heinzerath. Weil die Frau katholisch war, wurde die Ehe katholisch geschlossen; alle Nachkommen dieses Ehepaares waren katholisch. Von diesem Ehepaar wird das erste Mal in Heinzerath getauft, die weiteren Kinder aber werden in Starkenburg geboren und in der Klosterkirche in Enkirch katholisch getauft.
d)
Johann Nikolaus, * Starkenburg 27.07.1679, wird Wasenmeister und Scharfrichter im Amt Birkenfeld mit Wohnsitz in Rimsberg.
e)
Johann Matthias, * Starkenburg 27.04.1682, wurde einer der berühmtesten Scharfrichter des Hunsrücks. Nachfahren von ihm sind heute noch als Ärzte und Heilpraktikanten an Nahe und Glan tätig.

Hans Peter Nagel (siehe vorstehend unter b), seit 1686 als Scharfrichter und Wasenmeister in Starkenburg tätig, reicht 1714 beim Herzog in Birkenfeld eine Beschwerde ein, "dass er und seine Familienangehörigen einen besondern Platz in der Kirche in Starkenburg einnehmen müssen und beim Abendmahl nur zum Schluss gehen dürfen. Seine Kinder würden misshandelt schlimmer als Juden und Heiden."

Der Herzog, ein gerechter Mann, lässt an anderen Orten anfragen, wie es dort gehandhabt wird. Schließlich verfügt Christian Pfalzgraf bei Rhein und Graf von Sponheim, dass der Scharfrichter wie die anderen zu halten sei.

Aber das Konsistorium in Trarbach gibt nicht nach, sondern antwortet im März 1715: "... Anno 1700/01 beim Kirchenbau in Starkenburg wurden beim Einbau der Kirchenstühle dem Scharfrichter und seinen Leuten eigene Sitze gebaut, wozu er selbst den Maler seine Waffen wie ein Schwert und dergleichen aufmalen ließ.

In diesem Stuhl habe er auch bis vergangenen Jahres gesessen, bis sein Sohn (Joh. Adam Nagel) geheiratet.
Dessen Frau hat sich dann beschwert, denn andernorts hätte sie neben den Gemeinsleuten gesessen..."
Das Konsistorium stellt aber fest, dass andernorts die Scharfrichter auch als Letzte zum Tisch des Herrn gingen.

Über das Ende des Streites ist nichts zu erfahren, es ist aber anzunehmen, dass es bis zum Einmarsch der Franzosen beim bisherigen Zustand blieb (4).

Von Hans Peter Nagel ist der Fall einer Hinrichtung im Jahre 1721 bekannt, der wegen seiner Eigenartigkeit kurz geschildert werden soll.

Anton Ries, ein Hirtensohn und selbst Hirt trieb Sodomie mit einer Ziege. In einem längeren Verhör bekennt Ries, dass er nur dieses eine Mal sich vergangen habe. Man will aber noch mehr aus dem Burschen herauspressen, und so muss der Scharfrichter ihm einige Folterinstrumente zeigen, um ihn so zu weiteren Aussagen zu bringen.
Obwohl die Untersuchung klar erweist, dass es sich bei dem Angeklagten um einen offenkundig Schwachsinnigen handelt, wird das Urteil über ihn gefällt.

Der Spruch lautet:
"... ist der Delinquent mit dem Schwert vom Leben zum Tod zu bringen, das Vieh aber, da es noch vorhanden, durch den Scharfrichter totzuschlagen und zu vergraben. 18.09.1721 Birkenfeld."

Bereits am 27.10.1721 wird das Urteil durch die Hochfürstl. Markgräfl. Badische Regierungskanzlei in Rastatt bestätigt.

Bericht über die Hinrichtung:
Die Hinrichtung fand am 25.11.1721 statt - Begleitet von dem Amtsausschuss, 4 Geistlichen und unter dem Gesang der Kinder und dem Läuten der Glocken wurde der Delinquent zur Richtstatt geführt. Nach der Hinrichtung wurde er auf der Stelle verscharrt, das Vieh aber auf dem Wasen totgeschlagen und dort vergraben (5).

Hans Peter Nagel hatte 11 Kinder. Es interessieren hier nur die mit dem "unehrlichen" Gewerbe weiterhin verbundenen:

a)
Hans Peter, * um 1677/81 (?), oo 20.09.1703 im Dom zu Frankfurt katholisch Katharina Nagel, Tochter von Dietrich / Theodor Nagel, Scharfrichter in Montabaur.
b)
Maria Agnes, * Starkenburg 09.06.1690, oo Starkenburg 20.06.1724 Joh. Lorenz Bickler (Bückler), Scharfrichter in Gemünden und Verwandter des Schinderhannes. + Gemünden 01.04.1750
c)
Hans Adam, * Starkenburg 10.05.1694, war zweimal verheiratet oo I. Dickenschied 01.05.1714 Jacobina Bickler, Tochter von Hans Adam Bickler in Dickenschied. oo II. Starkenburg 27.06.1729 Maria Elisabeth Bickler. Beide Frauen entstammen zweifellos Wasenmeistersippen.
d)
Johann Jakob, * Starkenburg 04. Sonntag nach Ostern 1700. oo I. Altenkirchen 20.07.1723 Maria Catharina Molter, Tochter von Hans Martin Molter, Scharfrichter in Kirchen. oo II. Altenkirchen 02.02.1731 Maria Catharina Koch, Tochter des ... Koch, Scharfrichter in Ransbach. oo III. Wadern 18.09.1764 Maria Elisabeth Falck, Witwe von Johannes Falck, eine arme Frau.

Der Bruder des Hans Peter Nagel - Johann Adam Nagel lebte seit 1690 auch in Starkenburg und wird als Gehilfe bei seinem Bruder Hans Peter tätig gewesen sein. Er hatte 8 Kinder, von denen auch wieder zwei im Milieu blieben:

a)
Hans Heinrich, * Starkenburg 20.03.1695 war vermutlich zweimal verheiratet, es sind aber nur die zweite Frau und deren Kinder bekannt. oo II. Wittlich 02.03.1737 Maria Katharina Dillenburg, Tochter von Johann Philipp Dillenburg, Scharfrichter in Wittlich.
b)
Anna Catharina, * Starkenburg um 1701, oo 29.05.1725 Johann Nikolaus Knapp, Schütze in Wisselbach und Sohn von Johann Albert Knapp, Scharfrichter in Heimbach.

Hans Adam Nagel, Sohn von Hans Peter, wird seit 1740 Nachfolger seines Vaters als Scharfrichter in Starkenburg. Er hat, obwohl zweimal verheiratet, nur zwei Kinder. Aus der 1. Ehe eine Tochter Maria Katharina und aus der 2. Ehe einen Sohn Nikolaus. Hans Adam Nagel war als tüchtiger Chirurg bekannt und starb im Dezember 1734 in Starkenburg.

Die Tochter Maria Catharina, * Starkenburg 03.06.1725, oo 23.03.1748 in der Klosterkirche zu Enkirch den Eberhard Schmid, der katholisch war. Trotz eifrigen Nachforschens gelang es nicht, die Herkunft des Schmid zu klären.

Es ist aber anzunehmen, dass der von der Scharfrichtersippe Schmid in Gemünden stammt. Schmid muss vor seiner Heirat bereits als Gehilfe des Hans Adam Nagel tätig gewesen sein.

Zwischen Eberhard Schmid und seinem Schwager Nikolaus Nagel entbrennt 1760 ein heftiger Streit um den alleinigen Besitz der Scharfrichterei und der Wasenmeisterei in Starkenburg.

Aus den Prozessakten ist zu erfahren, dass nach dem Tode des Hans Adam Nagel 1734 sein Vetter Hans Heinrich Nagel das Amt für die noch minderjährigen Kinder verwaltete. Nach seinem Tode 1748 erhebt nun Maria Katharina Nagel verh. Schmid allein Anspruch auf das Amt, während ihr Bruder Nikolaus die gleichen Rechte geltend macht.

Aus einem Bericht des Regierungsrates Vischer von Trarbach an den Markgrafen ergibt sich, "dass Eberhard Schmid den Wasenmeister -und Nachrichterdienst bereits 20 Jahre versieht und erfahrener und geübter Wundarzt ist und dem Volke sehr dienlich ist." Der Streit endet dann so, dass Eberhard Schmid das Amt erhält und seinem Schwager eine Abfindungssumme von 75 Rthlr. zahlt (6).

Eberhard Schmidt hatte 8 Kinder, von denen der Sohn Johann Emmerich die Nachfolge des Vaters antritt.

Johann Emmerich Schmidt, * Starkenburg 19.08.1753, oo Enkirch 16.11.1782 Christina Bickler (Bückler) aus Hillscheid b. Thalfang.
Aus dieser Ehe gingen 5 Kinder hervor, von denen ein Sohn und zwei Töchter bereits im Kindesalter sterben. Es überleben der Sohn Eberhard, * Starkenburg 04.11.1785 und die Tochter Susanna, * Starkenburg 31.12.1788.

Inzwischen waren umwälzende Ereignisse eingetreten. Mit dem Einrücken der Franzosen wurden alle vor dem Gesetz gleich. Die Folter wurde abgeschafft, und auch der Wasen hatte nicht mehr die Bedeutung wie früher. So wurde die Chirurgie wohl die Haupteinnahmequelle der bisherigen Wasenmeister und Scharfrichter.

1807 schickt Johann Emmerich Schmidt seinen Sohn Eberhard deshalb zum Studium der Chirurgie nach Straßburg, von wo er zwei Briefe nach Hause schickte, die noch im Original erhalten blieben. Schrift und Stil der Briefe deuten auf einen für die damalige Zeit recht hohen Bildungsstand des Schreibers, der immerhin erst 22 Jahre als war (7).
Wie weit er sein Studium betrieben hat, ist nicht zu ersehen.

Er heiratet am 13.10.1809 die Christina Carolina Nagel, Tochter von Matthias Nagel in Bärenbach. Sie ist ein Nachkomme des Matthias Nagel, eines Urgroßonkels der Frau des Eberhard Schmid.
Aus der Ehe geht nur eine Tochter hervor: Christina Susanna, * Starkenburg 03.12.1810. Sie oo I. Johann Nikolaus Marx, der 1822 in Halle Theologie studiert, aber bereits 1839 in Starkenburg als cand. theol. stirbt.

Auch die anderen Nachkommen der Sippe Nagel gingen in "ehrliche" Berufe und heirateten Söhne und Töchter von "ehrlichem" Stand (8). Weitergehendes genealogisches Material befindet sich beim Verfasser.

Quellen:
Kirchenbücher der verschiedenen Pfarreien im Bistumsarchiv Trier. Evgl. Kirchenbücher im Landeshauptarchiv (LHA) Koblenz.

Anmerkungen
Von Michael Macklot "Wesentlicher Inhalt des beträchtlichsten Theils der neueren Hochfürstl.-Markgräfl. Badischen Gesetzgebung usw. usw.: Carlsruhe
1782.
2) LHA Koblenz Abt. 22 - Nr. 6944.
3) LHA Koblenz Abt. 36 - Nr. 2777.
4) LHA Koblenz Abt. 33 - Nr. 5973.
5) LHA Koblenz Abt. 33 - Nr. 6561.
6) LHA Koblenz Abt. 33 - Nr. 4152.
7) Brief des Eberhard Schmid aus den Familienakten des Herrn Ernst Schneider in Starkenburg, dem für die Überlassung zu danken ist.
8) Wie 7.
9) Versch. Arbeiten v. Annette Grünewald.

Anmerkungen:
Scharfrichter-Familien haben stets wegen der "erzwungenen" engen Heiratskreise und des daraus resultierenden Implexes das Interesse der Genealogen gefunden. Die "Aura der Unehrlichkeit", die von den Scharfrichtern und Abdeckern ausging, war bis ins 19. Jahrhundert hinein wirksam. Erst ein akademisches Studium oder das "unter die Fahne gehen" - zum Militär also - mochte für manchen Henkerssohn den Zugang zu "ehrlichen" d.h. u.U. auch "zünftigen" Berufen und damit zur gesellschaftlichen Integration öffnen. Auf der anderen Seite waren es aber gerade die Gedanken und Ideen der französischen Aufklärung, die für eine allgemeine Emanzipation - wir würden heute sagen von Outsidern und Randgruppen - auch in Deutschland wirksam wurden. - Die Arbeit von Otto Münster muss umso willkommener sein, als gerade hier eine Ergänzung zu dem wohl jüngsten zweibändigen Standardwerk von Glenzdorf/ Treichel: Henker, Schinder und arme Sünder, Bad Münster 1970, geboten werden.